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Rede zur Ausstellungseröffnung
Christel van Lith: Das
Wesentliche Kunsthaus Bocholt , 25. Oktober 2009 Referentin: Ute Freyer M.A. (Kunsthistorikerin) Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde, auch ich begrüße Sie herzlich zur heutigen Vernissage, und
ich freue mich, Sie in das umfassende Werk der Künstlerin Christel van Lith
einzuführen. Christel van Lith hat ihre Ausstellung mit dem viel
versprechenden Begriff „Das Wesentliche“ betitelt und hebt damit einmal hervor,
dass es ihr um Wesen, bzw. Wesensformen und -arten geht; zum Anderen ist
natürlich auch die eigentliche Bedeutung des Wortes gemeint: die wichtigen Dinge
im Leben, die Beschaffenheiten, über die Christel van Lith sehr viel nachdenkt,
und die somit für sie selbst von vorrangiger Relevanz sind. Es handelt sich hierbei um existentielle Problematiken, die
im übergeordneten Sinn auch Allgemeingültigkeit bekommen. Mit ihren Bildern sucht sie Erklärungen der Daseinsformen und
Lösungsvorschläge, mit dem Leben umzugehen. Sie sollen eine Bereicherung für
jeden sein und als Hoffnungsträger dienen. Immer betrachtet sie mehrere Seiten einer Wesensart und
findet hierfür ihre eigenen Umsetzungen. Die studierte und praktizierende Grafik-Designerin und
Illustratorin begann bereits als 10-jährige, sich ernsthaft mit dem Zeichnen zu
beschäftigen. Ihre Ausstellungstätigkeit als freischaffende Künstlerin
begann direkt nach ihrem Studium in Münster Anfang der 80er Jahre. Bereits 10
Jahre später erhielten ihre Arbeiten internationalen Rang: 1992 gewann sie einen
internationalen Kunstpreis in Antwerpen. Von den 600 in die Vorauswahl gelangten
Künstlern schaffte sie es unter die ersten 13, deren Arbeiten mit einer
zusätzlichen Ehrung für „besonders wertvolle Arbeiten“ ausgestellt wurden. Die
drei preisgekrönten Bilder mit den Titeln
Konferenz,
Rapport
und Tatjana im Journal
sind neben den über 80 weiteren von der Künstlerin ausgewählten Bilder in der
Ausstellung hier im Kunsthaus Bocholt vertreten. Durch die fast 30-jährige
Zeitspanne, in der die hier zusammengestellten Exponate entstanden sind,
bekommen Sie einen umfassenden Einblick in die Schaffensphasen der Künstlerin. Im Laufe der Zeit erweiterten sich die Thematiken und
Techniken, so dass ihre künstlerischen Ausdrucksmittel heute ein breites
Spektrum aufweisen. Ihre Bildmotive sind aus den Bereichen Porträt, Architektur,
Landschaft, Mythologie und Emotionen. Ob mit
Bleistift, Buntstift, Tusche, Aquarell-, Gouache-,
Tempera-, Acryl - oder Ölfarben, mit jeder Technik führt sie die Arbeiten in
altmeisterlicher akademischer Manier aus. Hierbei haben Christel van Lith die
Darstellungsformen der Oberflächenstrukturen verschiedener Materialien und
Organismen immer am meisten interessiert. Dabei ist es ihr wichtig, das Wesenhafte herauszustellen und
dem Übergeordneten eine größere Bedeutung zukommen zu lassen, das in einer
globalisierten vom Materialismus zerschlagenen Welt schon viel zu sehr in
Vergessenheit geraten ist. Christel van Lith drückt die Beschäftigung mit diesen Themen
in realistisch umgesetzten Bildern aus. Definitionsgeschichtlich hängt der Realismus in der bildenden
Kunst von Seh- und Darstellungsgewohnheiten der jeweiligen Epoche und des
Künstlers ab. Die Darstellung der Wirklichkeit wird hierbei mit deren eigenen
Interpretationen verbunden sowie es auch bei Christel van Lith der Fall ist. Realismus ist also kein eigenständiger stilgeschichtlicher
Begriff, auch wenn sich an diesen Begriff anlehnend im 20. Jahrhundert
Stilrichtungen wie der „Phantastische Realismus“, der „Neue Realismus“, der
“Kritische Realismus“ oder der „Fotorealismus“ entwickelt haben, um nur einige
zu nennen.
Christel van
Liths Bilder könnte man dahingehend beschreiben, dass sie von jedem
stilgeschichtlichen Realismus etwas aufgreift:
Eine objektive Realität, zum Teil mit kritischer
Betrachtungsweise, zum Teil in phantastischer Manier umgesetzt mit Hinwendung zu
den alltagsbestimmenden und immer gegenwärtigen Dingen. Die
ältesten Arbeiten, die Sie in dieser Ausstellung sehen, die Serie
Verlassene Höfe im
Münsterland, sind am Anfang ihrer beruflichen
Laufbahn entstanden. Eine
Strophe aus dem Gedicht
„Das Haus ist geschlossen“ des österreichischen
Lyrikers Alfred Kolleritsch (1931 in der Südsteiermark geboren) inspirierten die
Künstlerin hierzu. Es entstanden sechs Bleistiftzeichnungen zu diesem Text mit
Motiven aus dem Münsterland um Bocholt herum. Schon damals ging es Christel van Lith um Genauigkeit, die
ihren Respekt und ihre Wertschätzung für das Motiv zum Ausdruck bringen sollte. Stets
beschäftigt sie sich mit äußeren und
inneren
Formen und schafft seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit neue
Wirklichkeiten. Sie erfindet die Strukturen sozusagen immer wieder neu, denn die
vorgegeben Motive dienen der Künstlerin meistens nur als Anhaltspunkt oder grobe
Vorlage. So auch
die Motive der
verlassenen Höfe im Münsterland.
Oft nur noch als dunkle, verwitterte Oberflächen sichtbar, interpretiert
Christel van Lith die feinen Strukturen von Holz, Stein oder Pflanze hinein, mit
dem Resultat, dass das Abgebildete als gegebener Seinszustand in akribischer
Detailgenauigkeit festgehalten scheint. Ähnlich die Arbeiten, die sie auf ihrer Auslandsstudienreise
anfertigte. Anfang der 80er Jahre bereiste sie für ein Jahr den amerikanischen
Kontinent und sammelte auf ihrer Reise von Alaska bis Guatemala Eindrücke und
Erfahrungen, die später immer wieder in ihren Werken mitschwingen. Aus
dieser Zeit sind die filigranen Zeichnungen der Ausschnitte bekannter
Nationalparks
und Landstriche Nordamerikas sowie die Porträts der Indios aus Mittelamerika. Die Natur und das Natürliche standen hier im Mittelpunkt
ihres künstlerischen Schaffens. Ihre späteren Farbbilder nahmen den Umweg über
„Aquarell-Zeichnungen“. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Wiesel, das durch die
Malweise mit so genannten trockenen Aquarellfarben eher gezeichnet als gemalt
wurde. Großflächigeres Malen, - dennoch nicht in minderer
detailgenauer Wiedergabe -praktizierte die Künstlerin erst, als es ihr die
Leuchtkraft der Ölfarbe angetan hatte. Bis dahin war ihr die Ölfarbe für ihren
Präzisionsanspruch nicht fein genug, sondern zu zäh und pastos. Die
Ölfarbe kommt mittlerweile in unterschiedlicher Anwendung zum Einsatz, wie
beispielsweise in den Bildern
Tänzerin I und
Tänzerin II.
Inspiriert zu diesen Werken wurde Christel van Lith durch ihre jüngste Schwester
und deren Töchter, die eine Tanzschule, die in einem alten Fabrikgebäude
untergebracht ist, besuchen. Die Figuren sind großzügig und spontan auf die
Leinwand gespachtelt. Hier wird kein realer Bewegungsablauf dargestellt, sondern
„ein subjektiver Eindruck der langsamen Eleganz der Tanzenden vor dem
Hintergrund einer robusten Architektur“, wie es die Künstlerin ausdrückt. Etwas Erkennbares, Offensichtliches nach außen bringen und
gleichzeitig ein „in sich Gekehrtsein“ sind die Merkmale ihrer Werke. Ihre Bilder sind offen und geschlossen zugleich. Man könnte
es „ein sich Öffnen für die Welt in einer in sich geschlossenen Ganzheit oder
Einheitlichkeit“ nennen, oder ein „Abgerücktsein in einem fest verankerten
Bestehen“. Auf jeden Fall drücken die Werke ihr dualistisches Weltbild aus, die
Dinge nie nur von einer Seite zu betrachten. Eine
Arbeit, welche dies offensichtlich zum Ausdruck bringt, ist der
Erinnerungsturm. Eine von der Künstlerin erstellte Rauminstallation gab die
Umsetzung zu diesem Bild. Verschiedene Perspektiven und somit verschiedene
Bedeutungsebenen kennzeichnen den Inhalt. Es geht hier um Erinnerungen und
Werte. Was war einem wichtig, was wird vielleicht wieder wichtig? Unterschiedliche Ausschnitte, die einmal von vorne, ein
anderes Mal von der Seite gezeigt werden, symbolisieren Meinungsbilder, die mit
unterschiedlichen Erinnerungen verknüpft werden sowie mit sich ändernden Werten,
die den Blick verstellen. Mit
Werten und Wertigkeiten hat auch das Bild
Tatjana im Journal
zu tun. Der Einkommensvergleich des Models mit dem Bundeskanzler gab der
Künstlerin zu denken. So konstruiert und analysiert die Bilder scheinen mögen,
ihnen fehlt es nicht an Spontaneität. Auch
ist Christel van Lith trotz Anwendung altmeisterlicher Malweise
keine
Traditionalistin, sondern ein Kind ihrer Zeit: modern, grenzüberschreitend, auf
Berechtigtes bestehend. Mit ihren Bildern erinnert sie an Vergessenes, an die
kleinen, aber wichtigen, ja wesentlichen Dinge im Leben und bindet sie in einen
neuen, klar ersichtlichen Kontext ein. Wie
durch das Auge des Adlers auf dem Bild
Das Auge des Jägers
betrachtet die Künstlerin die Welt und hebt in
meditativer Arbeit geistig mit ihm ab. Trotz abgehobener Gedankenwelt verliert sie nicht die
Bodenständigkeit und bleibt in ihrer Intuition authentisch. In gesunder Selbstliebe und einer starken Naturverbundenheit
sieht sie die Gleichwertigkeit und doch Einzigartigkeit jedes lebenden
Organismus, ob Stein, Holz, Pflanze, Tier oder Mensch. In den realistisch wiedergegebenen Motiven spiegeln sich
persönliche Vorstellungen, Wünsche und Ideen und so entstehen vielschichtige
Momentaufnahmen von durchdringender emotionaler Geladenheit. Ein
Beispiel hierfür ist das Bild
Konferenz, das viel sagende Gestiken der Hände
darstellt und - unterstützt durch den emotionalen Ausdruck - Sprache fast
überflüssig macht. Ein weiteres Beispiel ist das Bild Rapport,
das
über den Zeitraum von einem Jahr entstanden ist und den Blick aus dem damaligen
Fenster der Künstlerin auf das Nachbarhaus zeigt. Unterschiedliche Tage,
gewittrige, sonnige, regnerische etc., sind in diesem Bild vereint. Die Idee, die Exterieurs in einem Interieur festzuhalten,
betont die Vielschichtigkeit der Themen, mit denen sich Christel van Lith
auseinandersetzt. Die Tapete steht imaginär für die Wohnung der alten Dame
gegenüber, was dem Bild noch einen persönlichen Symbolcharakter verleiht. . Mit
einer stark ausgebildeten Sensibilisierung für Stofflichkeit und
Überstofflichkeit und einem ausgeprägten Sinn für Harmonie hält sie das
Vielseitige in genauer Detailbeobachtung fest oder stellt Gefühlslagen, und
–stimmungen sowie
Eigenschaften von Personen heraus, ohne sie zu
bewerten. Das
Bild Empathie zeigt
dies wohl am deutlichsten. Wie der Titel schon sagt, wird hier das Verstehen der
Gefühle eines Mitmenschen thematisiert. Ohne unbedingt diese Gefühlslage mit
einer Person zu teilen, wird Verständnis für ihr Handeln aufgebracht.
Zu den Personen, die Christel van Lith abbildet, sagt sie:
„Die
Person, die es auf meine Leinwand schafft, hat lange vorher mein Herz erobert
oder hat mich mit ihrer Persönlichkeit gefesselt.“
So ist es nicht verwunderlich, dass ihr Lebensgefährte
Thomas, der sie schon über Jahrzehnte begleitet, ein beliebtes Bildthema ist. Auch
empfindet Christel van Lith eine tiefste Zuneigung zu Kindern, und ist nicht
zufällig 5-fache Patentante. Ihre Nichten hat sie beispielsweise in dem Bild
Die drei
Grazien mit erfundenen Zutaten wie Spitzen,
Kolibri und regnende Blumen wiedergegeben.
Persönlichkeiten sind für sie nicht vom Alter abhängig, so porträtierte sie z.B.
das Mädchen
Maya, dessen Ausstrahlung die Künstlerin
faszinierte. Die
Porträts entstehen überwiegend am lebenden Modell, und da nicht immer eins
verfügbar ist, nimmt sie oft sich selbst, auch wenn dies nicht immer
offensichtlich erkennbar ist, wie bei den Arbeiten
Ich glaub mir steht
kein Hut oder
In deiner Haut.
Emotionale Geladenheit drückt sich in den farbigen Bildern der Künstlerin auch
oft durch die Farbsymbolik aus. Speziell bei der Serie
Das ist Rot kommt dies vordergründig zum
Ausdruck. Ganz
offensichtlich gehören die Bilder mit dem Titel
Das rote Tuch hierzu, aber auch das Diptychon
Mind the gap. Rot ist die aktivste und attraktivste Signalfarbe. Sie fällt
sofort ins Auge und will auch gesehen werden. Die Farbe Rot entspricht
psychologisch dem Willensmenschen und steht symbolisch für Eroberung, Macht und
Herrschaftsanspruch. Der Siegeszug der Farbe in der Geschichte der Menschen
begann mit den drei Urerlebnissen: Liebe, Feuer und Blut. Hegel
nennt Rot „die konkrete Farbe schlechthin“. Sie ist
so vielgesichtig und „laut“ wie das Leben selbst. Goethe schreibt über ihre Wirkung, dass sie so einzig wie die
Natur sei und die aktive Seite in ihrer höchsten Energie zeige. Besonders erfreuen sich energetische und gesunde Menschen an
ihr, so die Farbpsychologen. Die Künstlerin selbst beschreibt die Farbe als „feurig und
leidenschaftlich, die für Zurückhaltung keinen Platz lässt, sondern immer
entschieden daher kommt.“ Die
Serie
Melancholie, zu der u.a. die Bilder
Schlechtwetter
und Die Westfälin
gehören, nennt die Künstlerin für sich „Meine braunen Porträts“. „Voller Melancholie, einsam in ihrer Nachdenklichkeit, aber
auch harmonisch, in sich ruhend“, beschreibt sie diese Bilder. Farbpsychologisch gesehen verkörpert Braun das Leben selbst,
und zwar auf passive Weise. Entspannt genießen, leibliches Wohlbefinden und
sinnliche Behaglichkeit sind die Eigenschaften, die ihr zugeschrieben werden. Braun konzentriert sich auf die leibliche Seite des Ichs,
repräsentiert demnach den nervlich-körperlichen Zustand, den sinnlichen Genuss
des „einfachen Lebens“. Die Farbe suggeriert kraftvolle Ausgereiftheit, vollen
Geschmack, Volumen und solide Herkunft. Ihr wird „großer Nutzen“ in Bezug auf
die körperliche Zufriedenheit zugeschrieben. Die
Melancholie unter
Benutzung dieser Farbe darzustellen, bedeutet auch, dass die Künstlerin diesem
psychischen Zustand etwas berechtigtes Gutes abgewinnt. Ebenso
auf Farbe basierend sind die Bilder
Schlangenfrau
und
Fischfrau,
die aus dem mythologischen Thema der Medusa abgeleitet sind. Durch die Namen
vorgegeben, sind spontane an Farbspektren anlehnende Umsetzungen aus der
Phantasie heraus entstanden.
Anders
verhält es sich bei dem mythologischen Thema des
Phönix. Hier geht es Christel van Lith um den Inhalt des Mythos, bzw.
um die inhaltliche Umdeutung auf die heutige Zeit. Bei den Ägyptern wurde der Phönix als heiliger Vogel
angesehen. Der ursprünglich als Bachstelze oder Reiher dargestellte Vogel galt
als Wesen, das bei der Weltschöpfung auf dem Urhügel erschienen war. Er wurde
auch zeitweise als Verkörperung des Sonnengottes angesehen. Die Griechen und die Kirchenschriftsteller übernahmen ihn
unter vielerlei Umdeutungen als Erscheinungsbild der Seele, als Sinnbild des
durch den Tod sich erneuernden Lebens. Im 1. Jh. n. Chr. erhielt der Phönix-Mythos eine Neufassung,
die weltweit Einzug fand: Der Phönix sollte sich in gewissen Abständen (alle 500
oder 1461 Jahre) selbst verbrennen und aus der Asche neu aufsteigen. Seit
dem 2. Jh. übertrugen viele Kirchenväter das Sinnbild des Phönix auf Christus.
Seitdem erschien er in der Kunst als Sinnbild
der Hingabe an den Tod und der Auferstehung
Christi, der Ewigkeit und Unsterblichkeit. Christel van Lith transformiert diesen Mythos ins reale Leben
und sieht ihn – wie auch weitere Themen aus Mythologie und Religion - losgelöst
von der christlich- religiösen Verwendung. Für sie steht er als Hinweis darauf,
jeden Tag als neu zu erleben. Das Leben gibt einem permanent die Chance,
Neuanfänge zu starten, Altes hinter sich zu lassen sowie im übertragenen Sinne
Tode zu erleben, um aus dieser Erfahrung zu wachsen und sich weiter zu
entwickeln, aufzusteigen in neu entdeckte Sphären.
Auch
die Darstellungen zu den
sieben Todsünden werden von der Künstlerin auf
den profanen Boden der Tatsachen geholt, ohne eine Zugehörigkeit zu einer
Glaubensrichtung zu postulieren. Die
ursprünglich als Hauptsünden bezeichneten Eigenschaften: Stolz, Geiz,
Unkeuschheit, Neid, Unmäßigkeit, Zorn, Trägheit,
meinen
nicht so sehr Einzelsünden, als vielmehr die entsprechende sittlich schlechte
Haltung, aus der dann die Einzelsünden hervorgehen. Unter den „acht Gedanken oder Dämonen“, die einen Mönch
heimsuchen könnten, gehen diese Sünden auf einen im 4. Jh. lebenden Mönch,
namens Evagrius Ponticus zurück. Er nannte Völlerei, Unkeuschheit, Habsucht,
Zorn, Trübsinn, Faulheit, Ruhmsucht und Stolz. Im späten 6. Jh. nahm Papst Gregor die Vorstellung von den
„acht Dämonen“ wieder auf und reduzierte sie auf die mystische Zahl sieben:
Ruhmsucht und Stolz fasste er als Hochmut zusammen und Faulheit und Traurigkeit
zu Trägheit. Er fügte den Neid hinzu. Diese schweren Sünden, die als Übertretungen der göttlichen
Gebote galten, führten zu dem Resultat der ewigen Verdammnis. Aus diesem Grund
wurden sie auch Todsünden genannt, da es keine Vergebung für sie gab. Der im 16. Jh. lebende Theologe Peter Binsfeld
personifizierte die Sünden, die sich in dieser Form am weitesten verbreiteten:
Luzifer-Hochmut, Mammon-Habsucht, Leviathan-Neid, Satan-Zorn, Asmodeus-Wollust,
Beelzebub-Völlerei, Belphegor-Faulheit. Christel van Lith stellt diese sieben Haupt- oder Todsünden
gnadenlos in ihren nahezu zynisch umgesetzten Porträtdarstellungen gekonnt
heraus und benutzt hier auch die Farbe als Symbolträger, wie beispielsweise das
Gelb für den Neid. Mit
Neid und Hochmut hat auch das mythologische Thema des
Ikarus
zu tun: Nach Ovid ließen die Götter Ikarus aus Rache sterben, weil
Ikarus Vater, der Architekt Dädalus, seinen Neffen und Schüler Perdix aus Neid
auf sein Können ermordet hat. Im Allgemeinen wird der Ikarus-Mythos so gedeutet, dass die
Götter ihn für seinen Übermut, den Griff nach der Sonne zu wagen, abstürzen und
sterben ließen.
Christel van Lith
stellt sich hier die Frage: „Wer hat sich nicht
schon mal ähnlich gefühlt?“ Und sie meint hiermit auch gerade die Phase des
Heranwachsens, in der viele Dummheiten begangen werden, die unter Umständen auch
mal fatale Folgen haben können. Zu
einer weiteren und nicht ungeachteten Wesensform gehören für Christel van Lith
auch die Engel. Das Bild
Engel kommen und gehen
ist in Zusammenhang mit dem Tod ihres Vaters entstanden. Auf diesem Bild
verlässt
ein Engel ein Zimmer und die Frage „Ob er jemals wiederkommt?“ bleibt im Raum
stehen. Auf dem
5-teiligen Gemälde
Himmelfahrt stellt sich die
Künstlerin selbst als Engel dar. Geleitet von der merkwürdigen Vorstellung des
hier in Frage gestellten Themas vergleicht sie die Himmelfahrt mit einem Sog,
einem rasant nach oben fahrenden Aufzug oder einem verrückten Karussell, mit dem
sie abhebt. Dieses
„Lichtbild“ hat - ganz nach Christel van
Liths Mehrseitigkeitsprinzip - ein
Pendant. In gleicher monumentaler Darstellungsweise hat sie die
Höllenfahrt
thematisiert. Dieses
Bild ist heute hier nicht ausgestellt, aber es wird
in wenigen Wochen
an
der gegenüberliegenden Raumseite zu sehen sein.
Um
etwas mehr Lebendigkeit in eine klassisch konzipierte Ausstellung zu bringen,
haben ein Künstler meiner Galerie und ich im
letzten Jahr in Süddeutschland eine „Midissage“ eingeführt. Wie der Name schon
verrät, handelt es sich hierbei um eine - man könnte sagen - zweite
Ausstellungseinführung, die ungefähr zur Halbzeit der Ausstellung stattfindet.
Es gibt die Vernissage und die Finissage, warum nicht auch eine Midissage?
Das Besondere daran ist, dass Werke ausgetauscht, evtl. auch
hinzugefügt werden, die zum Teil ein anderes Licht auf die Ausstellung werfen
und gerade bei sehr vielseitigen Künstlern weitere Interpretationsmöglichkeiten
bieten.
Ich freue mich, dieses Ausstellungskonzept im westfälischen
Raum erstmalig hier im Kunsthaus und speziell auch mit Christel van Lith
umzusetzen, denn ihr umfangreiches vielschichtiges Werk bietet sich für eine
solche Aktion hervorragend an.
Der Termin der Midissage wird noch bekannt gegeben und wir
würden uns sehr freuen, auch viele von Ihnen an dem Tag hier wieder begrüßen zu
dürfen.
Doch
nun wünsche ich Ihnen facettenreiche Einblicke in
die scheinbar „normale Welt der Dinge“ oder die „normale Welt der Scheindinge“
oder einfach in das uns alltäglich Umgebende!
Ich bedanke mich fürs Zuhören und wünsche Ihnen noch einen
angenehmen Sonntag!
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